Bewegende Entwicklung im Takt der Natur
Am 12. September 1990 wurden große Teile der Halbinsel Jasmund unter Schutz gestellt – auf Grundlage des ostdeutschen Nationalparkprogramms. Ein bedeutender Tag für die Natur, die sich ab dem Zeitpunkt in weiten Teilen frei in ihrem eigenen Takt entwickeln durfte.
Das Nationalpark-Motto „Natur Natur sein lassen“ machte anfangs den Menschen Angst. Es brauchte Zeit, bis die anfängliche Sorge der Menschen um den Fortbestand des Gewohnten und lieb Gewonnen sich wandelte in Vertrauen. Zufriedenheitsanalysen belegen, dass heute sowohl Anwohner als auch Besucher den Nationalpark mehrheitlich befürworten und auch als Zukunftsmodell erkennen. Die Wertschöpfung für den Tourismus der Region durch den Nationalpark ist belegt und beförderte die Steigerung der Akzeptanz. 35 Jahre Nationalparkgeschichte bewirkte gleichermaßen einen Wandel in den Köpfen der Menschen wie in der Natur selbst.
In den Wäldern, für die ein Jahrhundert nur ein Wimpernschlag ist, bestimmt seit 2017 die Natur allein den Takt. Nach Jahrhunderten forstlicher Nutzung mit überwiegend ortsfremden Nadelhölzern, waren zunächst Initialmaßnahmen notwendig. Diese halfen den Wäldern auf die Sprünge hin zum heimischen Buchenwald. Seit Anpassung der Regularien zum Wildtiermanagement an die Nationalpark-Ziele wurden zudem Störungen deutlich reduziert und tritt die Waldverjüngung vielerorts sichtbarer hervor. Dass der größte zusammenhängende Buchenwald im Ostseeraum besonders wertvoll und ein Markenzeichen für Europas Wildnis ist, wurde im Jahr 2011 mit der Anerkennung zum UNESCO-Welterbe besiegelt.
Auch die Moore brauchten ein aktives initiales Management, um wieder voll als solche zu funktionieren. Insgesamt 42 Mooren verhalfen vor allem freiwillige Helfer wieder zu neuem Leben. Mit dem Wasser kehrten Torfmoose, Rotbauchunken und Wollgras zurück. Auch hier dient das Erreichte als gutes Beispiel für den Moorschutz, der für die Rettung von Klima und Biodiversität so dringend geboten ist.
Zu tun bleibt dennoch genug, mindestens für die nächsten 35 Jahre und wahrscheinlich noch viel länger. Der Lenkungs-, Bildungs- und Informationsauftrag bleibt. Es benötigt nach wie vor viel Geschick, mit guter Infrastruktur die jährlich etwa 1 Million Besucherinnen und Besucher sicher und erlebnisreich durch die Natur zu lenken. Allein an dem Hotspot Victoriasicht wurden bis zu 350.000 Besucher jährlich gezählt.
Das Nationalpark-Zentrum KÖNIGSSTUHL etablierte sich im Laufe der Nationalparkgeschichte zu einem der attraktivsten und besucherstärksten Zentren deutschlandweit. „Das Konzept, hier die Gäste zu bündeln und mit verschiedensten spannenden Angeboten in die Geheimnisse der Natur zu entführen, hat sich bewährt,“ freut sich Ingolf Stodian, Dezernent für den Nationalpark Jasmund. Er ergänzt zu seinen Sorgen und mit Blick auf die Zukunft: „Dass die Menschen im Gebiet gefahrlos und mit Achtung vor der Natur auf den Wegen bleiben, fordert unsere Ranger jeden Tag aufs Neue. Immer wieder müssen sie Verstöße ahnden und würden dabei viel lieber ihr Naturwissen an die Menschen weitergeben. Da wünsche ich mir einfach mehr Verständnis, gegenseitige Rücksichtnahme und Respekt.“
Gemeinsam feiern wir den 35. Geburtstag der drei Nationalparke und weiteren Schutzgebieten in Mecklenburg-Vorpommern, die uns das Nationalparkprogramm der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR geschenkt hat!