Kreide

Auf der Zeitskala der Erdgeschichte ist die Kreidezeit der jüngste Abschnitt des Erdmittelalters. Sie begann vor rund 145 Millionen Jahren und endete vor etwa 65 Millionen Jahren. Es war die Zeit, als die Dinosaurier die Erde beherrschten. Der große Superkontinent Pangäa war erst kurz zuvor, etwa vor 150 Millionen Jahren, auseinandergebrochen, und die Kontinente sortierten sich neu. Indien und Madagaskar hatten sich eben erst von der Antarktis getrennt, Australien war noch mit ihr verbunden. Südamerika löste sich von Afrika. Gebirge wie die Alpen, Himalaya, Anden und Rocky Mountains falteten sich auf. Das Klima war deutlich wärmer als heute, die Pole waren eisfrei, die Gebirge ohne Gletscher. Deshalb lag der Meeresspiegel wesentlich höher und die Landfläche war viel kleiner als heute. Der Atlantik war noch sehr schmal, und Europa war nicht mehr als ein weit verstreutes Inselreich.

Die Geschichte der Rügener Kreideküste beginnt erst am Ende der Kreidezeit (Oberkreide, oberer Teil der Untermaastricht-Teilstufe) vor rund 70 Millionen Jahren. Dort, wo heute Rügen liegt, erstreckte sich ein flaches Schelfmeer, das im Norden von Schweden und im Süden durch die Alpen begrenzt wurde, die sich eben erst durch den Zusammenstoß Italiens (genauer: der afrikanischen Kontinentalplatte mit Italien als Sporn) mit Europa vom Meeresboden emporgefaltet hatten.

In diesem Meer herrschte reichhaltiges Leben, vor allem im mikroskopischen Bereich. Einzellige Kalkalgen von ca. 0,01 mm Größe gab es in großen Mengen, die Skelette aus Kalk bildeten. Diese Kalkplättchen nennt man Coccolithen und die Organismen, die sie tragen, Coccolithophoriden. (Solche Algen sind auch heute noch in den Meeren weit verbreitet.) Stirbt so ein Einzeller, sinkt sein Skelett auf den Grund. Die ständig niederrieselnden Coccolithen, dazu die Skelette anderer Organismen wie Wurzelfüßer (Foraminiferen) und Muschelkrebse (Ostrakoden), bildeten immer dickere Schichten von Kalkschlamm auf dem Meeresboden und verdichteten sich zu dem aus fast reinem Kalziumkarbonat (kohlensaurer Kalk = CaCO3) bestehenden Gestein, das wir heute Rügener Schreibkreide nennen. Es war nur etwa ein halber Millimeter pro Jahr, manchmal auch weniger. Aber es hielt lange Zeit an. Heute erhebt sich der Königsstuhl 118 Meter über der Ostsee, und unter dem Meeresspiegel kommen noch rund 500 bis 600 Meter hinzu.

Solche Kreide entstand großflächig am Grunde des damaligen Schelfmeeres, allerdings nicht überall zur gleichen Zeit und immer wieder gestört durch Bewegungen der Erdkruste (Tektonik). Im weiteren Verlauf der Erdgeschichte wurde die Kreide zumeist durch andere Gesteine überlagert. Nur an einzelnen Stellen verdanken wir es der Tektonik, dass die Kreide oberirdisch ansteht und Steilküsten bildet. In Europa sind das im Wesentlichen vier Standorte:

  • in England und Frankreich zu beiden Seiten des Ärmelkanals. Diese Kreide ist allerdings älter, nämlich vor etwa 110 Millionen Jahren entstanden.
  • auf der dänischen Insel Møn („Møns Klint“) und auf Rügen. Die Møner und Rügener Kreidefelsen (Jasmund und Kap Arkona) sind gleichzeitig vor rund 70 Millionen Jahren entstanden.


In der Kreide fallen schwarze Einlagerungen auf. Es handelt sich dabei um Feuerstein (Flint), ein äußerst hartes und sprödes Quarzgestein (Kieselsäure = Siliziumdioxid = SiO2) mit Materialeigenschaften wie Glas. Je nach Lagerung lassen sich verschiedene Typen unterscheiden:

1. schichtparallele Lagen aus knolligem bis plattigem Feuerstein („Feuersteinbänke“), in mehr oder weniger regelmäßiger Abfolge der Kreide eingelagert,
2. Paramoudras („Sassnitzer Blumentöpfe“), senkrecht zu den Feuersteinbändern lagernde Flint-Hohlzylinder,
3. Feuersteinbildungen und Verkieselungen außerhalb der Feuersteinlagen, meist in Verbindung mit Fossilien,
4. Feuerstein als Kluftbelag (Auskleidung von Spalten).


Wie der Feuerstein entstanden ist, weiß man bisher nicht genau. Als Lieferanten der Kieselsäure werden Kieselalgen (Diatomeen), Kieselschwämme und andere Organismen angesehen, die ihre Skelette aus Opal (SiO2 x n H2O) aufbauten. Diese Stützelemente wurden nach dem Tod aufgelöst, Opal wurde frei und konnte sich anreichern. Die Kieselsäure verdichtete sich zu gallertigen Klumpen, die durch Wasserabgabe schließlich zum Feuerstein aushärteten.

Weit weniger häufig, aber ebenfalls in der Kreide eingelagert findet man Markasit-Knollen (Schwefelkies/Schwefeleisen = FeS2). An der Luft oxidiert der Schwefel zu Schwefelsäure. Deshalb sollte man solche Steine nicht in die Tasche stecken.

Schlägt man Feuerstein Flint an Schwefeleisen, so entstehen Funken, mit denen man leicht brennbares Material wie trockenes Laub oder Zunder (aus dem Zunderschwamm) in Brand setzen kann. So machten unsere steinzeitlichen Vorfahren Feuer, und daher kommt der Name Feuerstein. Vom Flint hat auch die Flinte (= Steinschlossgewehr) ihren Namen, da man nämlich die frühen Vorderlader auf eben diese Weise mit Flint zündete.

Fossilien

Die Kreide selbst besteht aus Fossilien. Aber neben solchen mikroskopisch kleinen Organismen gab es weiteres vielfältiges Leben im Kreidemeer. Was immer auch damals im freien Wasser oder am Meeresgrund lebte und über dauerhafte Strukturen wie Schalen, Gehäuse oder anderes verfügte, hinterließ Überreste, die wir heute am Strand finden können. Allerdings sind sie selten vollständig und unbeschädigt. Von der Einbettung in die Kreide bis zur Bearbeitung durch die Ostseebrandung gab es in 70 Millionen Jahren viele Gelegenheiten, sie zu beschädigen. Feine Strukturen sind so gut wie gar nicht erhalten, und meist findet man nur ein „Negativ“, indem die Schale sich mit Feuerstein füllte und selbst verloren ging.

Am häufigsten sind die „Donnerkeile“. Wegen ihrer Form hielt man sie wohl früher für Überbleibsel der Blitze, die der germanische Donnergott geschleudert hatte. Tatsächlich waren sie einmal das innere Stützelement kreidezeitlicher Tintenfische, der Belemniten, vergleichbar dem Schulp heutiger Tintenfische, den wir unserem Wellensittich zum Schnabelwetzen in den Käfig hängen.

Weiterhin kann man im Steingeröll unterhalb der Kreidefelsen Seeigel, Muscheln, Korallen und viele andere Fossilien finden. Eine Fossilien-Übersicht entdecken Sie bereits hier.
Unbedingt einplanen sollten Sie deshalb einen Besuch im:

Kreidemuseum Gummanz
Gummanz 3
18551 Sassnitz
Tel.: 038302 / 56229
www.kreidemuseum.de.

Dort erfahren Sie alles über die Rügener Kreide, ihre Entstehung, ihre wirtschaftliche Nutzung und die Fossilien der “Rügener Schreibkreide”.

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